Pfr. Gerhard Engelsberger, Gartenstraße 57, 69168 Wiesloch, Tel.: 2148

Wiesloch, Christusgemeinde, Datum: 15.11.2009

Literaturgottesdienst: Kehlmann, Die Vermessung der Welt

 

1. Orgelvorspiel
2. 440,14 (All Morgen ist ganz frisch und neu)
3. Votum
Gruß Begrüßung
4. Psalm 36 (EG 719)
Ehr sei dem Vater...

5. Gebet:
Ewiger Gott,
wir danken dir an diesem Morgen
für deine Güte, wo immer wir sie spürten,
für deine Nähe, wo immer sie uns tröstete,
für deine Wahrheit, wo immer sie uns aufrichtete,
für deine Kraft, wo immer sie uns stärkte.
Und doch sind wir im Zweifel,
leben in Angst vor Krankheit
kommen mit unserem Leben manchmal
nur mühsam zurecht.
Finden das heilsame Maß nicht,
den ehrlichen Umgang mit unseren Grenzen.
Bring uns zurecht.
Richte uns auf.
Gib unserem Leben einen weiten Raum.
Tröste und stärke uns.
In dir ist unser Leben geborgen.
Kyrie eleison

6. GS: Und über dem allen, mein Sohn, lass dich warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde. (Prediger 12,12)
Ehre sei Gott in der Höhe

7. 180.2 (Gott in der Höh)

8. Vorwort

Wie misst man die Welt? Wie kann man Leben in Zahlen fassen?
Wie kann das Pulsierende, sich stetig Verändernde wie kann das Leben, die Natur, wie können Apfelblüte und die Gezeiten, der Landregen und die Geburt eines Kindes auf einen „Begriff“ gebracht werden.
Geht nicht, sagt der Theologe.
Geht doch, sagt der Naturwissenschaftler.
Die Naturwissenschaft und die Theologie, die Wissenschaft vom Berechnen, Messen, exakten Beobachten und Erkennen und die Wissenschaft vom Studium biblischer Texte, vom Glauben der Menschen, von den Religionen und den wenigen Sätzen, die den Menschen möglich sind über Gott, die Naturwissenschaft und die Theologie tun sich schwer miteinander.
Spätesten, seit Kopernikus nachgewiesen hat, dass der Mensch und seine Erde nicht der Mittelpunkt ist. Spätestens seit Darwin von der Entwicklung des Lebens spricht und damit der Mensch nicht nur mit den Tieren gleiche Vorfahren hat, sondern auch nicht das Ende dieser Entwicklung ist. Mir scheint, das sei eigentlich die größere Herausforderung im Ringen um die Wahrheit.

Naturwissenschaft Mathematik, Physik, Biologie, Chemie, Medizin … und Theologie das Reden über Gott und seinen Menschen und dessen Welt tun sich gelegentlich schwer miteinander.
Was dem einen logisch ist, ist dem anderen fremd.
Was dem anderen wichtig ist, ist dem einen unlogisch.
Wie kann man Liebe messen?
Etwa mit dem Thermometer?
Wie kann man Wahrheit messen?
Etwa mit dem Lügendetektor?
Wie kann man Zukunft messen?
Etwa mit dem Kalender?
Andererseits: Wie könnten wir diese grandiose Schöpfung begreifen ohne Begriffe zu finden? Wie könnten wir die Weite der Schöpfung bereisen, ohne zu berechnen?
Wie könnten wir unsere Tage Nacht, Morgen, Mittag, Abend, Nacht einigermaßen strukturieren und damit füllen, ohne zu unterscheiden?
Wir begegnen heute zwei Männern, die das Messen und Berechnen auf die Spitze getrieben haben.
Sehr erfolgreich. Ruhmreich.
Zwei, auf die wir Deutsche stolz sein können.
Wir beide Gustl Riemensperger und ich werden (so hoffe) im nächsten Sommer Berge besteigen, aber nicht so hoch wie Humboldt. Wir werden auf den Hütten die Rechnungen nicht nachrechnen, sondern bezahlen.
Wir werden uns summa summarum des Lebens und unserer Freundschaft freuen.
Humboldt und Gauß sind aus anderem Holz geschnitzt.
Daniel Kehlmann hat daraus einen grandiosen Roman gemacht.
Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt war ein deutscher Naturforscher. 90 Jahre alt ist er geworden. Es gibt kaum etwas, was er nicht erforscht hat. Er lässt sich kaum einordnen.Seine Forschungsreisen ührten ihn nach Lateinamerika, nach Asien und in die USA.

Geforscht und berechnet hat er mit einer wissenschaftlichen Leidenschaft sonders gleichen:

Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Vulkanologie, Botanik, Zoologie, Klimatologie, Ozeanografie, Astronomie, Ethnologie, Demografie fast überall war er einer der ersten. Mit seinem Wissensdurst. Man nannte ihn den „zweiten Kolumbus“ oder „den neuen Aristoteles “.

Johann Carl Friedrich Gauß ist nicht ganz so bekannt. Eher den Briefmarkensammlern und den Mathematiker. Die einen klebten ihn ein als 10CentBriefmarke, die anderen lernten seine Gaußsche Formel auswendig. Er hat das Osterdatum für alle Jahre errechnet, hat im Bereich des Magnetismus bahnbrechende Erkenntnisse erworben und damit die Voraussetzung für ein erdumgreifendes Telegrafen und damit Telefonsystem geschaffen. Den Schülern der Oberstufe der Gymnasien ist er vielleicht bekannt durch den Gaußschen Integralsatz oder das Gauß’sche Eliminationsverfahren Adrian erzählt mir von drei Gleichungen mit drei Variablen, die man nach und nach eliminiert schon da hörte ich auf, zu verstehen… Auf Gedenkmünzen ist er als „Mathematicorum Principius“ verewigt, als „Fürst der Mathematiker“. Ich ziehe mich als Theologe vorerst auf das zurück, was ich einigermaßen verstehe.
Das ist zugegebenermaßen nicht viel.
Es ist nicht die Weltformel, eher die kleine Welt des Don Camillo.
Es ist nicht Gott selbst. Es sind nur Spuren Gottes.

9. 665,13 (Wir haben Gottes Spuren)

10. Kehlmann, Die Vermessung der Welt 1

Gustl:

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum ersten Mal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongress in Berlin teil­zunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.

Gerhard:

Hören wir kurz hinein in zwei Briefe, die Humboldt an den größten Mathematiker geschickt hatte.

Gustl:

Es nahet jetzt die Zeit, wo die Versammlung deutscher und nordischer Naturforscher, Physiker und Astronomen sich in Berlin eröffnen wird. Die gesetzlichen Tage sind 1826. Sept., aber wen wir recht zu geniessen wünschen, laden wir ein, ja früher zu kommen und später zu bleiben. Mit dem Könige so eben von Teplitz zurückkehrend, bin ich nun gewiss, ruhig in Berlin bis October zu bleiben …. Darf ich, Verehrungswerthester Freund … den Wunsch erneuern, Sie nicht bloss zum Glanz dieser Versammlung hier zu besitzen , sondern Sie auch in meinem Hause zu bewirthen. Die hiesigen Gasthöfe sind schlecht und leicht gefüllt. Ich kann Ihnen freilich nur ein (doch sehr geräumiges) Zimmer mit der Aussicht auf einen schönen Garten an­bieten, aber Sie empfangen Besuche und leben in meinen daran stossenden Zimmern. Sie frühstücken und speisen Mittags und Abends mit mir oder ohne mich, zu den von Ihnen befohlenen Stunden. … Sie haben einen Wagen jedesmal wenn Sie es anordnen. Alles das ist meine Sorge. Ein hiesiger Bekannter führt Sie umher, wenn ich, wegen des freilich lästig werdenden Andranges der Frem­den Sie nicht selbst begleiten kann. …

Die Zeit der Ferien ist da; einige Zerstreuung wird Ihnen wohlthätig sein und Ihr grosser, allgemein gefeierter Name würde meiner Vaterstadt einen Glanz geben, den ich dauernd wünschte. Erfreuen Sie mich, wenn es irgend Ihre Lage und Ihre Arbeiten es erlauben, mit einer bejahenden Antwort und nennen Sie mir bald den festlichen Tag, an dem ich Sie erwarten kann.

Mit der innigsten Verehrung und Freundschaft,
SansSouci bei Potsdam
den 14. Aug. 1828.
Ihr gehorsamster Al. Humboldt.

Gerhard:
Schließlich – erfreut über die Zusage – der Dankesbrief von Humboldt.

Gustl:
Mit unendlicher Freude habe ich Ihr theures Versprechen ge­wiss bis zum 15. September uns mit Ihrer Gegenwart zu beglücken empfangen. Ich fühle den ganzen Werth Ihrer Aufopferung! … Schreiben Sie mir ja gnädigst welchen Tag ich hoffen darf Sie zu umarmen. Möchte es vor dem 15. sein können, damit wir Sie etwas ruhiger geniessen. … Den 18. halte ich meine Eröffnungsrede und den 18. Abends 69 Uhr , müssen Sie einem kleinen Feste beiwohnen, welches ich 600 Freunden, im Concertsaal des Schauspielhauses geben werde. Der König und der Kronprinz haben mir verspro­chen dabei zu sein. Mit innigster Anhänglichkeit

Berlin d. 8. Sept. 1828. Ihr gehorsamster Al. Humboldt.

Gerhard: Kehlmann schreibt über Alexander von Humboldt:

Gustl: Alexander von Humboldt war in ganz Europa berühmt wegen einer Expedition in die Tropen, die er fünfund­zwanzig Jahre zuvor unternommen hatte. Er war in Neuspanien, Neugranada, Neubarcelona, Neuandalusi­en und den Vereinigten Staaten gewesen, hatte den na­türlichen Kanal zwischen Orinoko und Amazonas ent­deckt, den höchsten Berg der bekannten Welt bestiegen, Tausende Pflanzen und Hunderte Tiere, manche lebend, die meisten tot, gesammelt, hatte mit Papageien gespro­chen, Leichen ausgegraben, jeden Fluss, Berg und See auf seinem Weg vermessen, war in jedes Erdloch gekrochen und hatte mehr Beeren gekostet und Bäume erklettert, als sich irgendjemand vorstellen mochte.

Gerhard:
Zurück in jene Morgenstunde, da der größte Mathematiker seiner zur Reise aufbrechen sollte.

Gustl:
Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche war­te und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu brin­gen, indem er die Augen schloss. Als er sie wieder öffnete und Minna noch immer da war, nannte er sie lästig, be­schränkt und das Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nicht half, streifte er die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden.
Grimmig und notdürftig gewaschen ging er die Trep­pe hinunter. Im Wohnzimmer wartete sein Sohn Eugen mit gepackter Reisetasche. Als Gauß ihn sah, bekam er einen Wutanfall: Er zerbrach einen auf dem Fensterbrett stehenden Krug, stampfte mit dem Fuß und schlug um sich. Er beruhigte sich nicht einmal, als Eugen von der einen und Minna von der anderen Seite ihre Hände auf seine Schultern legten und beteuerten, man werde gut für ihn sorgen, er werde bald wieder daheim sein, es werde so schnell vorbeigehen wie ein böser Traum. … Ohne Herzlichkeit ver­abschiedete er sich von Minna; seiner Tochter und dem jüngsten Sohn strich er geistesabwesend über den Kopf. Dann ließ er sich in die Kutsche helfen.

Gerhard
Szenenwechsel. Berlin, 15. September 1828. Humboldt erwartet die Ankunft von Gauß.

Gustl:
Alexander von Humboldt war ein kleiner alter Herr mit schlohweißen Haaren. Hinter ihm kamen ein Sekre­tär mit aufgeschlagenem Schreibblock, ein Bote in Livree und ein backenbärtiger junger Mann, der ein Gestell mit einem Holzkasten trug. Als hätten sie es geprobt, stellten sie sich in Positur. Humboldt streckte die Arme nach der Kutschentür aus.
Nichts geschah.
Aus dem Inneren des Fahrzeugs hörte man hektisches Reden. Nein, rief jemand, nein! Ein dumpfer Schlag ertönte, dann zum dritten Mal: Nein! Und eine Weile nichts.
Endlich klappte die Tür auf, und Gauß stieg vorsich­tig auf die Straße hinab. Er zuckte zurück, als Humboldt ihn an den Schultern fasste und rief, welche Ehre es sei, was für ein großer Moment für Deutschland, die Wissen­schaft, ihn selbst.
Der Sekretär notierte, der Mann hinter dem Holzkasten zischte: Jetzt!
Humboldt erstarrte. Das sei Herr Daguerre, flüsterte er, ohne die Lippen zu bewegen. Ein Schützling von ihm, der an einem Gerät arbeite, welches den Augenblick auf eine lichtempfindliche Silberjodidschicht bannen und der fliehenden Zeit entreißen werde. Bitte auf keinen Fall bewegen!
Gauß sagte, er wolle nach Hause.
Nur einen Augenblick, flüsterte Humboldt, fünfzehn Minuten etwa, man sei schon recht weit fortgeschritten. Vor Kurzem habe es noch viel länger gedauert, bei den ersten Versuchen habe er gemeint, sein Rücken halte es nicht aus. Gauß wollte sich loswinden, aber der kleine Alte hielt ihn mit überraschender Kraft fest. …
Ein Polizist betrat den Hof und fragte, was hier los sei.
Später, zischte Humboldt mit zusammengepressten Lippen.
Dies sei eine Zusammenrottung, sagte der Polizist. Entweder man gehe sofort auseinander, oder er werde amtshandeln.
Er sei Kammerherr, zischte Humboldt.
Was bitte? Der Polizist beugte sich vor.
Kammerherr, wiederholte Humboldts Sekretär. Angehöriger des Hofes.
Daguerre forderte den Polizisten auf, aus dem Bild zu gehen.
Mit gerunzelter Stirn trat der Polizist zurück. Erstens könne das nun aber jeder sagen, zweitens gelte das Versammlungsverbot für alle….
Wenn er sich nicht gleich davonmache, sagte der Se­kretär, werde er Schwierigkeiten bekommen, die er sich noch gar nicht vorstellen könne.
So spreche man nicht mit einem Beamten, sagte der Polizist zögernd. Er gebe ihnen fünf Minuten.
Gauß stöhnte und riss sich los.
Ach nein, rief Humboldt.
Daguerre stampfte mit dem Fuß auf. Jetzt sei der Mo­ment für immer verloren!
Wie alle anderen, sagte Gauß ruhig. Wie alle anderen.

Und wirklich: Als Humboldt noch in derselben Nacht, während Gauß im Nebenzimmer so laut schnarchte, dass man es in der ganzen Wohnung hörte, die belichtete Kup­ferplatte mit einer Lupe untersuchte, erkannte er darauf gar nichts. Und erst nach einer Weile schien ihm ein Ge­wirr gespenstischer Umrisse darin aufzutauchen, die ver­schwommene Zeichnung von etwas, das aussah wie eine Landschaft unter Wasser. Mitten darin eine Hand, drei Schuhe, eine Schulter, der Ärmelaufschlag einer Uni­form und der untere Teil eines Ohres. Oder doch nicht? Seufzend warf er die Platte aus dem Fenster und hörte sie dumpf auf den Boden des Hofes schlagen. Sekunden später hatte er sie, wie alles, was ihm je misslungen war, vergessen.

Gerhard:
Wie kommt die Naturwissenschaft zu ihren Erkenntnissen?
Eben durch Messen, durch Beobachten, durch Berechnen, exaktes Vergleichen, Überprüfen. In der Regel durchs „Messen“.
Der Stein, der hier zu Boden fällt in Wiesloch, muss am Amazonas ebenso zu Boden fallen. Mit der gleichen Geschwindigkeit. Im gleichen Winkel. Und so weiter. Kann man das beobachten rund um die Erde – mit immer dem gleichen Ergebnis – dann kann man daraus ein Gesetz formulieren. Gewonnen durch Beobachten und Messen.
Daniel Kehlmann führt uns sozusagen in das Naturkundelabor von Alexander von Humboldt. Und was er dort beschreibt, es grenzwertig. Wie so viele Versuche, die uns am Ende vielleicht nützen und zu neuen Erkenntnissen führen.
Schauen wir Alexander von Humboldt mit Daniel Kehlmanns Hilfe über die Schulter:

Gustl:
Zufällig stieß Humboldt auf Galvanis Buch über den Strom und die Frösche. Galvani hatte abgetrennte Froschschen­kel mit zwei unterschiedlichen Metallen verbunden, und sie hatten gezuckt wie lebendig. Lag das nun an den Schenkeln, in denen noch Lebenskraft war, oder war die Bewegung von außen gekommen, aus dem Unterschied der Metalle, und von den Froschteilen bloß sichtbar ge­macht? Humboldt beschloss, es herauszufinden.
Er zog sein Hemd aus, legte sich aufs Bett und wies einen Diener an, zwei Aderlasspflaster auf seinen Rücken zu kleben. Der Diener gehorchte, Humboldts Haut warf zwei große Blasen. Und jetzt solle er die Blasen auf­schneiden! Der Diener zögerte, Humboldt musste laut werden, der Diener nahm das Skalpell. Es war so scharf, dass der Schnitt kaum schmerzte. Blut tropfte auf den Boden. Humboldt befahl, ein Stück Zink auf eine der Wunden zu legen.
Der Diener fragte, ob er eine Pause machen dürfe, ihm sei nicht wohl.
Humboldt bat ihn, sich nicht dumm anzustellen. Als ein Silberstück die zweite Wunde berührte, ging ein schmerzhaftes Pochen durch seine Rückenmuskeln, bis hinauf in den Kopf. Mit zitternder Hand notierte er: Musculus cucularis, Hinterhauptbein, Stachelfortsätze des Rückenwirbelbeins. Kein Zweifel, hier wirkte Elektrizi­tät. Noch einmal das Silber! Er zählte vier Schläge, in regelmäßigem Abstand, dann wichen die Farben aus den Gegenständen.
Als er wieder zu sich kam, saß der Diener auf dem Boden, das Gesicht bleich, die Hände blutig.
Weiter, sagte Humboldt, und mit seltsamem Schrecken wurde ihm klar, dass etwas in ihm Lust empfand. Jetzt die Frösche!
Das nicht, sagte der Diener.
Humboldt fragte, ob er sich eine neue Anstellung suchen wolle.
Der Diener legte vier tote, sorgsam gereinigte Frösche auf Humboldts blutigen Rücken. Aber jetzt reiche es, sagte er, sie seien doch Christenmenschen.
Humboldt ignorierte ihn und befahl: Wieder das Sil­ber! Schon kamen die Schläge. Bei jedem davon, er sah es im Spiegel, sprangen die Froschleiber wie lebendig. Er biss in das Kissen, der Stoff war nass von seinen Tränen. Der Diener kicherte hysterisch, Humboldt wollte Noti­zen machen, aber seine Hände waren zu schwach. Müh­sam stand er auf. Aus den zwei Wunden lief Flüssigkeit, so ätzend, dass sie seine Haut entzündete. Humboldt versuchte etwas davon in einem Glasröhrchen aufzufangen, aber seine Schulter war geschwollen, und er konnte sich nicht drehen. Er sah den Diener an.
Der schüttelte den Kopf.
Na gut, sagte Humboldt, dann solle er jetzt in Gottes Namen den Arzt holen! Er wischte sich das Gesicht ab und wartete, bis er wieder fähig war, die Hände zu ge­brauchen und das Nötigste aufzuschreiben. Strom war geflossen, das hatte er gespürt, und entsprungen war er nicht seinem Körper und nicht den Fröschen, sondern der chemischen Feindschaft der Metalle.
Es war nicht leicht, dem Arzt zu erklären, was hier geschehen war. Der Diener kündigte in der Woche dar­auf, zwei Narben blieben, und die Abhandlung über die lebendige Muskelfaser als leitende Substanz begründete Humboldts wissenschaftlichen Ruf.

11. Klaviergedanken: Zwischenmusik Christoph

12. Vermessung 2

Gerhard: Wenden wir uns dem anderen zu. Johann Carl Friedrich Gauß, dem Mathematiker.
Er war, wie so viele Genies, offensichtlich eine Provokation für seine Lehrer.

Gustl:
Der Lehrer in der Schule hieß Büttner und prügelte gern. Er tat, als wäre er streng und asketisch, und nur manchmal verriet sein Gesichtsausdruck, wie viel Spaß ihm das Zuschlagen machte. Am liebsten stellte er ihnen Aufgaben, an denen sie lange arbeiten mussten und die trotzdem kaum ohne Fehler zu lösen waren, sodass es zum Schluss einen Anlass gab, den Stock hervorzuholen. Es war das ärmste Viertel Braunschweigs, keines der Kin­der hier würde eine höhere Schule besuchen, niemand mit etwas anderem arbeiten als den Händen. …
Büttner hatte der Klasse aufgetragen, alle Zahlen von eins bis hundert zusammenzuzählen. Das würde Stunden dauern, und es war beim besten Willen nicht zu schaffen, ohne irgendwann einen Additionsfehler zu machen, für den man bestraft werden konnte. … Später hätte Gauß nicht mehr sagen können, ob er an diesem Tag müder gewesen war als sonst oder einfach nur ge­dankenlos. Jedenfalls hatte er sich nicht unter Kontrolle gehabt und stand nach drei Minuten mit seiner Schiefer­tafel, auf die nur eine einzige Zeile geschrieben war, vor dem Lehrerpult.
So, sagte Büttner und griff nach dem Stock. Sein Blick fiel auf das Ergebnis, und seine Hand erstarrte. Er fragte, was das solle.
Fünftausendfünfzig.
Was?
Gauß versagte die Stimme, er räusperte sich, er schwitzte. … Darum sei es doch gegangen, eine Addition aller Zahlen von eins bis hundert. Hundert und eins ergebe hunderteins. Neunund­neunzig und zwei ergebe hunderteins. Achtundneunzig und drei ergebe hunderteins. Immer hunderteins. Das könne man fünfzigmal machen. Also fünfzig Mal hunderteins.
Büttner schwieg.
Fünftausendfünfzig, wiederholte Gauß, in der Hoffnung, dass Büttner es ausnahmsweise verstehen würde.
Fünfzig Mal hunderteins sei fünftausendfünfzig. Er rieb sich die Nase. Er war nahe am Weinen.
Gott verdamm mich, sagte Büttner. Dann schwieg er lange. Auf seinem Gesicht arbeitete es: Er sog die Wan­gen ein und machte ein langes Kinn, er rieb sich die Stirn und klopfte sich an die Nase. Dann schickte er Gauß auf seinen Platz. Er solle sich setzen, den Mund halten und nach dem Unterricht dableiben. …
Also erschien Gauß nach der letzten Lektion mit ge­senktem Kopf vor dem Lehrerpult. Büttner verlangte sein Ehrenwort, und zwar bei Gott, der alles sehe, dass er das allein ausgerechnet habe. Gauß gab es ihm, aber als er erklären wollte, dass doch nichts daran sei, dass man ein Problem nur ohne Vorurteil und Gewohnheit betrachten müsse, dann zeige es von selbst seine Lösung, unterbrach ihn Büttner und reichte ihm ein dickes Buch. Höhere Arithmetik: ein Steckenpferd von ihm. Gauß solle es mit nach Hause nehmen und durchsehen. Und zwar vorsich­tig. Eine geknickte Seite, ein Fleck, der Abdruck eines Fingers, und es setze den Knüttel, dass der Herrgott gna­den möge.
Am nächsten Tag gab er das Buch zurück.
Büttner fragte, was das solle. Natürlich sei es schwie­rig, aber so schnell gebe man nicht auf!
Gauß schüttelte den Kopf, wollte erklären, konnte nicht. Seine Nase lief. Er musste schniefen.
Na was denn!
Er sei fertig, stotterte er. Es sei interessant gewesen, er wolle sich bedanken. Er starrte Büttner an und betete, dass es genug sein würde.
Man dürfe ihn nicht belügen, sagte Büttner. Das sei das schwierigste Lehrbuch deutscher Zunge. Niemand könne es an einem Tag studieren, schon gar nicht ein Achtjähriger mit triefender Nase.
Gauß wusste nicht, was er sagen sollte.
Büttner griff mit unsicheren Händen nach dem Buch. Er könne sich auf etwas gefasst machen, jetzt werde er ihn befragen!
Eine halbe Stunde später sah er Gauß mit leerer Miene an. Er wisse, dass er kein guter Lehrer sei. Er habe weder eine Berufung noch besondere Fähigkeiten. Aber jetzt sei es so weit: Wenn Gauß nicht aufs Gymnasium komme, habe er umsonst gelebt. Er musterte ihn mit verschwom­menem Ausdruck, dann, wahrscheinlich um seine Rüh­rung zu bekämpfen, fasste er nach dem Stock, und Gauß erhielt die letzte Tracht Prügel seines Lebens.

Gerhard:
Mit Hilfe des überforderten Lehrers kommt Johann Carl Friedrich aufs Gymnasium. Mit nicht geringeren Komplikationen. Ist doch die Logik nicht jedermanns Sache. Am wenigsten offensichtlich die der Pfarrer und Religionslehrer.

Gustl:
Die Höhere Schule enttäuschte ihn. Viel lernte man wirklich nicht: Etwas Latein, Rhetorik, Griechisch, Ma­thematik auf lachhaftem Niveau, ein bisschen Theologie. Die neuen Mitschüler waren nicht viel klüger als die al­ten, die Lehrer schlugen zwar nicht seltener, aber immer­hin weniger fest. Bei ihrem ersten Mittagessen fragte ihn der Pastor, wie es in der Schule gehe.
Leidlich, antwortete er.
Der Pastor fragte, ob ihm das Lernen schwer falle. Er zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf. Hüte dich, sagte der Pastor.
Gauß sah überrascht auf.
Der Pastor blickte ihn streng an. Stolz sei eine Tod­sünde!
Gauß nickte.
Das solle er nie vergessen, sagte der Pastor. Sein Leben lang nicht. Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben.
Warum?
Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden.
Nichts, sagte Gauß, gar nichts.
Doch, sagte der Pastor, er wolle das hören.
Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht.

Gerhard:
Nun ist meine Wissenschaft, die Theologie, vielleicht in den Augen vieler gar keine „logie“. Nichts Logisches.
Jesus ist einmal auferstanden, nach unserem Glauben, und damit hat sich‘s.
Das kann man nicht messen und am Amazonas wiederholen und auf Rückfrage demonstrieren.
Dir ist deine Schuld vergeben. Das kann man nicht beweisen. Das muss man spüren, fühlen, erleben, leben eben.
So wie ich „ich liebe dich“ leben muss, damit es wahr wird.
Oder „ich habe Angst“ – oder was auch immer.
Ich kann die Temperatur messen, den Pulsschlag, sogar die Gehirnströme – aber „ich liebe“, da kann ich nicht messen.
Johann Carl Friedrich studiert. Ist mathematisch hochbegabt. Will in jungen Jahren schon etwas ganz Besonderes leisten. Ein Lebenswerk. Die Lösung der Frage, was eine Zahl sei. Die Grundlegung der Arith­metik.
Weit weg, in vergleichbarer Zeit, als Gauß sein großes Werk über die Zahl abschließt, ist der unstete Forscher Humboldt unterwegs. In Südamerika. Am Orinoka. Irgendwo in der Gegend von Venezuela und Kolumbien.

Gustl:
Sie fuhren in den Orinoko ein. Der Strom war so breit, dass man glauben konnte, auf dem Meer zu trei­ben: Weit in der Ferne, wie eine Täuschung, zeichneten sich die Wälder des anderen Ufers ab. Hier gab es kaum noch Wasservögel. Der Himmel schien vor Hitze zu flim­mern.
Nach einigen Stunden entdeckte Humboldt, dass sich Flöhe in die Haut seiner Zehen gegraben hatten. Sie mussten die Fahrt unterbrechen; Bonpland …
- Humboldts stetiger Begleiter und Mitarbeiter auf seinen Reisen -
ordnete Pflanzen, Humboldt saß im Klappstuhl, die Füße in einer Essigwanne, und zeichnete Karten des Stromverlaufs.
Pulex penetrans, der gewöhnliche Sandfloh. Er werde ihn beschreiben, aber nicht einmal im Tagebuch werde er an­deuten, dass er selbst befallen worden sei.
Daran sei doch nichts Schlimmes, sagte Bonpland …
Er habe, sagte Humboldt, viel über die Regeln des Ruhmes nachgedacht. Einen Mann, von dem bekannt sei, dass unter seinen Zehennägeln Flöhe gelebt hätten, nehme keiner mehr ernst. Ganz gleich, was er sonst ge­leistet habe.
Am nächsten Morgen brachten Humboldt und Bon­pland es nicht fertig, sich zu rasieren, ihre Gesichter wa­ren von den Insektenstichen zu geschwollen. … Ein vom Schweigen blöd gewordener Missionar begrüß­te sie stotternd. Die Menschen waren nackt und bunt gefärbt: Einige hatten sich Fräcke auf die Körper gemalt, andere Uniformen, die sie selbst nie gesehen haben konn­ten. Humboldts Miene hellte sich auf, als er erfuhr, dass an diesem Ort Curare angefertigt wurde.
Der Curaremeister war eine würdevolle, priesterlich hagere Gestalt. So, erklärte er, schabe man die Zweige, so zerreibe man die Rinde auf einem Stein, so fülle man, Vorsicht, den Saft in einen Bananenblatttrichter. Auf den Trichter komme es an. Er bezweifle, dass Europa etwas ähnlich Kunstvolles hervorgebracht habe.
Nun ja, sagte Humboldt. Es sei zweifellos ein sehr re­spektabler Trichter.
Und so, sagte der Meister, dampfe man den Stoff in einem Tongefäß ab, aufpassen bitte, selbst das Hinschau­en sei gefährlich, so füge man eingedickten Blätteraufguss hinzu. Und dies, er hielt Humboldt das Tonschälchen hin, sei nun das stärkste Gift dieser und jeder anderen Welt. Damit könne man Engel töten!
Humboldt fragte, ob man es trinken könne.
Man trage es auf Pfeile auf, sagte der Meister. Es zu trinken habe noch keiner versucht. Man sei ja nicht wahnsinnig.
Aber die getöteten Tiere könne man sofort essen?
Das könne man, sagte der Meister. Das sei der Sinn der Sache.
Humboldt betrachtete seinen Zeigefinger. Dann steck­te er ihn in die Schüssel und leckte ihn ab.
Der Meister stieß einen Schrei aus.
Keine Sorge, sagte Humboldt. Sein Finger sei heil, sei­ne Mundhöhle auch. Wenn man keine Wunden habe, müsse der Stoff verträglich sein. Die Substanz wolle er­forscht werden, er habe es also zu riskieren. Übrigens bit­te er um Verzeihung, ihm sei ein wenig schwach zumute. Er sank auf die Knie und blieb eine Weile auf der Erde sitzen. Er rieb sich die Stirn und summte leise vor sich hin. Dann stand er behutsam auf und kaufte dem Mei­ster alle Vorräte ab.

Gerhard:

Selbstversuch nennt die Wissenschaft, vor allem die Medizin, so etwas.
Vom Forschungseifer getrieben und doch gut überlegt teste ich etwas an mir selbst.
Einfacher hat es da der Mathematiker.
Allerdings treffen sich da der Theologe und der Mathematiker.
Dem einen mag man nicht so recht glauben, und dann anderen kann man nicht verstehen.
Was dem Mathematiker logisch erscheint und dem Theologen glaubwürdig, das ist oft nur – sozusagen – für „Eingeweihte“ nachvollziehbar.
Und doch hatte Gauß berechnet, was am Himmel zu sehen war. Immerhin.

Gustl:
Nachdem er angekündigt hatte, wo und wann der Pla­net zum nächsten Mal auftauchen werde und ihm na­türlich keiner geglaubt hatte und der elende Steinklum­pen dann doch auf Tag und Stunde genau aus der Nacht getreten war, war er jetzt also berühmt. Die Astronomie war eine populäre Wissenschaft. Könige interessierten sich dafür, Generäle verfolgten ihre Entwicklungen, Fürsten schrieben Preise für Entdeckungen aus …. Einer, der für immer den Horizont der Mathematik erweitert hatte, war eine Ku­riosität. Wer aber einen Stern entdeckte, ein gemachter Mann.
Ja nun, sagte der Herzog, da sehe man es. Jetzt habe er es doch geschafft.
Gauß, der nicht wusste, was er darauf antworten sollte, verbeugte sich stumm.
Der Herzog nickte. Gauß erinnerte sich, dass er ihn nicht direkt ansehen sollte, und schlug die Augen nieder. Er fragte sich, wann endlich das Angebot kommen wür­de. Immer das langwierige Hin und Her, immer solche Umschweife. All die ans Gerede verlorene Zeit!
In diesem Sinn habe er eine Idee, sagte der Herzog. … Vielleicht sei ihm aufgefallen, dass Braunschweig noch keine Sternwarte habe.
Beizeiten, sagte Gauß.
Was?
Es sei ihm aufgefallen.
Nun frage er sich, ob die Stadt nicht eine bekommen müsse. Und Doktor Gauß, trotz seiner Jugend, solle ihr erster Direktor sein. Der Herzog stemmte die Hände in die Seiten. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lä­cheln. Das überrasche ihn, nicht wahr?
Er wolle einen Professorentitel dazu, sagte Gauß. Der Herzog schwieg.
Einen Professorentitel, wiederholte Gauß, jede Silbe betonend. Eine Anstellung bei der Universität Helm­stedt. Doppelte monatliche Bezüge.
Der Herzog trat vor und wieder zurück, machte ein brummendes Geräusch, blickte an die goldblattverzier­te Decke. Gauß nutzte die Zeit, um einige Primzahlen abzuzählen. Er hatte schon viele Tausend davon. Er war ziemlich sicher, dass man nie eine Formel finden würde, sie zu ermitteln. Aber wenn man viele hunderttausend abzählte, konnte man die Wahrscheinlichkeit ihres Auf­tauchens asymptotisch bestimmen. Für einen Moment war er so konzentriert, dass er zusammenzuckte, als der Herzog sagte, man feilsche nicht mit seinem Landes­vater.
Das liege ihm auch fern, sagte Gauß. …

Gerhard:
Das hatte sich Gauß anders vorgestellt. Aber was bleibt, wenn du eine Familie zu ernähren hast?

Gustl:
Sie zogen nach Göttingen. …hier herrschte Unord­nung. Nachts lärmten französische Soldaten, und wo das Observatorium entstehen sollte, war noch nicht einmal die Erde für das Fundament ausgehoben, bloß ein paar Schafe zupften an Grashalmen. Die Sterne musste er von Professor Lichtenbergs alter Turmkammer auf der Stadt­mauer aus beobachten. Und das Schlimmste: Man zwang ihn, Vorlesungen zu halten. Junge Männer kamen in seine Wohnung, schaukelten mit seinen Stühlen und machten ihm die Sofakissen speckig, während er sich abmühte, ih­nen auch nur irgendetwas begreiflich zu machen.
Von allen Menschen, die er je getroffen hatte, waren seine Studenten die dümmsten. Er sprach so langsam, dass er den Beginn des Satzes vergessen hatte, bevor er am Schluss war. Es nützte nichts. Er sparte alles Schwierige aus und beließ es bei den Anfangsgründen. Sie verstan­den nicht.. … Als bei der zwei­ten Prüfung wiederum nur einer bestanden hatte, nahm der Dekan nach der Fakultätsversammlung Gauß zur Seite und bat, nicht ganz so streng zu verfahren. Als Gauß den Tränen nahe nach Hause kam, fand er dort nur unge­betene Fremde: einen Arzt, eine Hebamme und seine Schwiegereltern.
Alles habe er versäumt, sagte die Schwiegermutter. Wohl wieder den Kopf in den Sternen gehabt!
Er habe ja nicht einmal ein anständiges Fernrohr, sagte er bedrückt. Was denn passiert sei?
Es sei ein Junge.
Was für ein Junge denn? Erst als er ihrem Blick begeg­nete, verstand er. Und er wusste sofort, dass sie ihm das nie verzeihen würde.
Es tat ihm leid, dass es ihm so schwer fiel, den Kleinen zu mögen. Man hatte ihm gesagt, das komme von selbst. Aber noch Wochen nach der Geburt, wenn er das hilflose Wesen, das aus irgendeinem Grund Joseph hieß, in Hän­den hielt und seine winzige Nase und verwirrenderweise vollzähligen Zehen betrachtete, fühlte er nichts als Mit­leid und Scheu. Johanna nahm es ihm ab und fragte mit einem Anflug von Besorgnis, ob er glücklich sei. Aber natürlich, sagte er und ging zum Teleskop. ...

13. Klaviergedanken: Zwischenmusik Christoph

14. Vermessung 3

Gerhard:

Wechseln wir wieder zu Humboldt, der immer noch auf Forschungsreisen in Südamerika ist. Mexiko. Ruinen. Alte Kulturen.

Gustl:
Humboldt stand vor einem riesigen Rad aus Stein. Ein Gewirbel aus Echsen, Schlangenköpfen und in geometri­sche Splitter zerbrochenen Menschenfiguren. In der Mitte ein Gesicht mit herausgestreckter Zunge und lidlosen Au­gen. Er sah lange hin. ... Er erkannte Entsprechungen, Bilder, die einander ergänz­ten, Symbole, die, nach feinen Gesetzmäßigkeiten wieder­holt, Zahlen verschlüsselten. Das hier war ein Kalender. Er versuchte ihn abzuzeichnen, aber es gelang nicht, und das hatte irgendetwas mit dem Gesicht in der Mitte zu tun. …
Zwanzigtausend, sagte ein Arbeiter vergnügt. Zur Einweihung des Tempels seien zwanzigtausend Men­schen geopfert worden. Einer nach dem anderen: Herz raus, Kopf ab. Die Reihen der Wartenden hätten bis zum Rand der Stadt gereicht.
Guter Mann, sagte Humboldt. Reden Sie keinen Un­sinn!
Der Arbeiter sah ihn beleidigt an.
Zwanzigtausend an einem Ort und Tag, das sei un­denkbar. Die Opfer würden es nicht dulden. Die Zu­schauer würden es nicht dulden. Ja mehr noch: Die Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas wirklich geschähe, würde das Universum enden.
Dem Universum, sagte der Arbeiter, sei das scheiß­egal.
Dann besuchten sie die Ruinen von Teotihuacan. Sie schienen zu groß für menschliche Erbauer. Auf einer ge­raden Chaussee gelangten sie zu einem von Tempeln um­standenen Platz. Humboldt setzte sich auf den Boden und rechnete, die Menge beobachtete ihn aus der Entfernung. … Vier Stunden später, längst war es Abend, saß er im­mer noch da, in der gleichen Haltung über das Papier gebeugt, Bonpland und die Journalisten waren frierend eingeschlafen. Als Humboldt kurz darauf seine Instru­mente einpackte, wusste er, dass die Sonne am Tag des Solstitiums von der Chaussee aus gesehen genau über der Spitze der größten Pyramide auf und durch die Spitze der zweitgrößten unterging. Diese ganze Stadt war ein Kalender. Wer hatte das erdacht? Wie gut hatten die Menschen die Sterne gekannt, und was hatten sie mittei­len wollen? Seit über tausend Jahren war er der erste, der ihre Botschaft lesen konnte.
Warum er so bedrückt sei, fragte Bonpland, der vom Klappern der Instrumente wach geworden war.
So viel Zivilisation und so viel Grausamkeit, sagte Humboldt. Was für eine Paarung! Gleichsam der Gegen­satz zu allem, wofür Deutschland stehe.
Vielleicht sei es Zeit zur Heimkehr, sagte Bonpland.

Gerhard:
Eine kleine Episode ist mir aus Kehlmanns Buch noch wichtig.
Humboldt ist wieder einmal unterwegs auf Forschungsreise.
Tief im Osten Russlands, im Niemandsland. Grenze zu China.
Er kommt an einem kleinen Tempel vorbei.
Ein Tempeldiener kommt heraus und lädt ihn, einzutreten. Ein Lama erwarte ihn.
Drinnen Räucherkerzen, Gerüche.
Der Lama lässt übersetzen, er habe gehört, dass er ein Mann sei, der alles wisse.
Nein! Humboldt weist das von sich.

Gustl:
Der Lama berührte mit seiner weichen Kinderhand Humboldts Brust. Aber da sei nichts. Wer das nicht ver­stehe, werde rastlos, laufe durch die Welt wie der Sturm, erschüttere alles und wirke nicht.
Er glaube nicht ans Nichts, sagte Humboldt mit be­legter Stimme. Er glaube an Fülle und Reichtum der Na­tur.
Die Natur sei unerlöst, sagte der Lama, sie atme Ver­zweiflung. …
Er fragte, ob Humboldt seinen Hund wecken könne.

- Das Lieblingshündchen des Lamas war eben gestorben. -

Er bedauere, sagte Humboldt… Das könne er nicht, sagte Humboldt. Der Lama verbeugte sich. Er wisse, dass ein Eingeweihter das nur selten dürfe, aber er erbitte diese Gunst, der Hund liege ihm sehr am Herzen.
Er könne das wirklich nicht, wiederholte Humboldt, dem vom Kräuterdampf allmählich schwindlig wurde. Er könne nichts und niemanden aus dem Tod wecken!
Er verstehe, sagte der Lama, was der kluge Mann ihm damit sagen wolle.
Er wolle gar nichts sagen, rief Humboldt, er könne es einfach nicht!
Er verstehe, sagte der Lama, ob er dem klugen Mann wenigstens eine Tasse Tee anbieten dürfe? …
Humboldt lehnte dankend ab, er vertrage keinen Tee. Er verstehe, sagte der Lama, auch diese Botschaft. Es gebe keine Botschaft, rief Humboldt.
Er verstehe, sagte der Lama.
Unschlüssig verbeugte sich Humboldt, der Lama tat es ihm gleich, und sie machten sich wieder auf den Weg. …
 

Gerhard:
Am Ende finden wir uns wieder in der Kutsche. Gauß im gedanklichen Zwiegespräch mit Humboldt in der einen Kutsche. Und Humboldt im gedanklichen Zwiegespräch mit Gauß in der anderen.
Zuerst Gauß.

Gustl:
Kein Kannibale hat Sie gegessen, kein Ignorant mich totgeschlagen. Hat es nicht etwas Beschä­mendes, wie leicht uns alles fiel? Und was jetzt geschieht, ist nur, was einmal geschehen musste: Unser Erfinder hat genug von uns. Gauß legte die Pfeife weg, zog die Samtmütze über den Hinterkopf…. Sein Rücken schmerzte, sein Bauch ebenso, und in sei­nen Ohren rauschte es. Dennoch war seine Gesundheit gar nicht übel. Andere waren gestorben, er war noch hier. Immer noch konnte er denken, zwar nichts allzu Kom­pliziertes mehr, aber für das Nötigste reichte es. Über ihm schwankten die Baumwipfel, in der Ferne ragte die Kuppel seiner Sternwarte auf, später in der Nacht würde er ans Fernrohr gehen und, mehr aus Gewohnheit, als um noch etwas zu finden, das Band der Milchstraße in die Richtung der fernen Spiralnebel verfolgen. Er dach­te an Humboldt. Gern hätte er ihm eine gute Rückkehr gewünscht, aber am Ende kam man nie gut zurück, son­dern jedes Mal ein wenig schwächer, und zuletzt gar nicht mehr. Vielleicht gab es ihn ja doch, den lichtlöschenden Äther.

Aber natürlich gebe es ihn, dachte Humboldt in seiner Kutsche, er habe ihn ja dabei, in einem der Fuhr­werke, nur erinnere er sich nicht mehr, wo, es seien Hunderte Kisten, und er habe den Überblick verloren.
Tatsachen … verblieben noch, er werde sie alle aufschreiben, ein un­geheures Werk voller Tatsachen, jede Tatsache der Welt, enthalten in einem einzigen Buch, alle Tatsachen und nur sie, der ganze Kosmos noch einmal, allerdings ent­kleidet von Irrtum, Fantasie, Traum und Nebel; Fakten und Zahlen, sagte er mit unsicherer Stimme, die könn­ten einen vielleicht retten. Bedenke er zum Beispiel, dass sie dreiundzwanzig Wochen unterwegs gewesen seien, vierzehntausendfünfhundert Werst zurückgelegt und sechshundertachtundfünfzig Poststationen aufgesucht hätten und, er zögerte, zwölftausendzweihundertvier­undzwanzig Pferde benützt, so ordne sich die Wirrnis zur Begreiflichkeit, und man fasse Mut. Aber während die ersten Vororte Berlins vorbeiflogen und Humboldt sich vorstellte, wie Gauß eben jetzt durch sein Teleskop auf Himmelskörper sah, deren Bahnen er in einfache For­meln fassen konnte, hätte er auf einmal nicht mehr sagen können, wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben.

Zwischenmusik Christoph

Gerhard: Nachwort
Wer immer zu Hause bleibt, kennt die Welt nur aus dem Fenster, sitzt am Gartenteich und träumt vom Meer, öffnet seine Türen nur für Bekannte und Freunde. Er hat ein kleines, enges Maß.
Er droht, zu verkümmern.
Wer weit herumkommt, kennt die Welt aus 10.000 Meter Höhe, aus der Vogelperspektive, lacht über Gartenteiche und Gardinen an den Fenstern. Er hat ein weites, großes Maß.
Er droht, sich zu verlieren.
Beide sind gefährdet, der Rechner und der Träumer, der Ängstliche und der nach allen Seiten Offene.
Der verkümmert und der sich verliert.
Wer ist der Mensch?
Manche sagen, er sei die Krone der Schöpfung.
Aber was ist – zumindest nach der Bibel – die Krone der Schöpfung und damit die Messlatte, an der wir als Christen den Menschen und die Welt messen?
Es ist die siebte Schöpfungstag, an dem Gott ruht von seiner Arbeit, seine Schöpfung meditiert und – so denke ich – trotz aller Fehlerhaftigkeit über das Gelungene staunt.
Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Aber darin sind sich alle einig, die das Staunen nicht verlernt haben.
Descartes sagte – und begründete damit das Zeitalter der Aufklärung , er sagte: „Ich denke, also bin ich.“
Ich würde gerne sagen – in der Hoffnung, dass sich Naturwissenschaft und Theologie darauf einigen könnten – ich würde gerne sagen: „Ich staune, also bin ich.“
Unsere badische Landeskirche hat vor Jahren „Leitsätze“ formuliert. Sie sagt damit, was wir glauben. Dort heißt es:

„Gott liebt die Menschen, ob sie es glauben oder nicht.
Gottes Wort begegnet uns in der Bibel. Ihr ist nichts Menschliches fremd.
Gott hat die Welt geschaffen und gesagt, was gut ist.
Unser Leben ist wertvoll nicht durch unsere Leistung, sondern weil Jesus Christus für uns gestorben ist und lebt.
Durch Jesus Christus ist Gott auch in den Tiefen menschlicher Not bei uns.
Wer mit Gott rechnet, hat Hoffnung und kann besser mit Gelingen und Scheitern umgehen.
Der Heilige Geist hilft uns zur Umkehr und eröffnet neue Wege.
Unser Leben ist mit dem Tod nicht zu Ende. Wir glauben an die Auferstehung der Toten.
Gott ist größer als unser Wissen. Zu allen Zeiten hält er Geheimnisse bereit, die die menschliche Vernunft übersteigen.“

15. 510,15 (Freuet euch der schönen Erde)

16. Vater unser, Friedensgruß

17. 622 (Magnificat; Kanon)

18. Mitteilungen;

Segen

 19. Orgelnachspiel