Lass es gut sein!
(Alltagsstaub und Gottesglanz, Stuttgart 1997, S. 180f)

Ich brauche Menschen, die mir über die Schulter schauen und sagen: Jetzt lass es gut sein. Manchmal brauche ich das mehr, manchmal weniger.
Lass es gut sein, das Grübeln bringt dich jetzt auch nicht weiter. Du hast getan, was du tun konntest, nun lass es gut sein.
Lass es gut sein, red´ die Welt - und dich selbst - nicht schlechter, als sie ist. Du bist eh kritisch genug. Jetzt lass es gut sein.
Lass es gut sein und fang nicht immer wieder davon an. Deine Seele braucht auch einmal einen Garten, einen Ausflug, frische Luft und den Gesang der Vögel. Du machst jetzt schon Tage, Wochen an diesem Problem herum. Nun lass es gut sein.
Lass es gut sein jetzt. Leg die Arbeit aus der Hand, sie klebt sonst an dir wie Fliegenleim, verfolgt dich noch in deinen Träumen und am Ende ist nichts getan, was bleibt. Du musst das jetzt wirklich nicht machen. Lass es gut sein.
Ich brauche Menschen, sie müssen nicht unbedingt besonders ausgebildet oder gar bezahlt sein. Ich brauche Menschen, die mich lieb haben und mir helfen, daß ich einen Berg von einem Maulwurfshügel unterscheiden kann. Lass es gut sein.

 

"Nun geht und lebt im Frieden des Herrn", sage ich unseren Gemeindegliedern, bevor sich der Kreis um den Abendmahlstisch auflöst. Lass es gut sein. Überlass dich dem Frieden Gottes: Deine Ehe, deinen Beruf, den Brief, an dem du nun schon vier Tage schreibst, deine Vergangenheit, Schuld, die dich als Angst einholt; laß es gut sein. Schau die Vögel am Himmel an, sagt Jesus auf dem Berg, schau sie dir an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie organisieren keine Depots und leben doch. Schau an, wie der Falke hoch oben, noch über den bizarren Septemberwolken, seine Kreise zieht. Ganz ohne Flügelschlag lässt er sich tragen und hat Freude am Spiel, vergißt die Mäusejagd und macht keine Pläne für morgen. Lass es gut sein.
Lass den Tag Gottes Sorge sein. Nein, wehr´ dich nicht gleich. Ich weiß, dass die guten Zeugnisse, die gelungene Arbeit und die harmonische Ehe nicht vom Himmel fallen. Du sagst: Mir wird nichts geschenkt. Dann versuche doch einmal, nur einen kleinen Schritt auf Distanz zu dir selber zu gehen. Stiere nicht nur auf deine Probleme, studiere auch deine Leichtigkeit.

Tritt einfach einmal auf die Seite und sieh die Luft, die dich umgibt, beobachte die Strahlen der Sonne, hab einen Blick für die Gedanken deines Nachbarn und ein Staunen für das Spiel deines Kindes. Und gehe die letzten Tage zurück, die Jahre. Stelle dir vor, du hältst kurz ein auf der langen Wanderung, hast einen Platz gefunden, an dem man weit zurück schauen kann. Was waren das für steile und schwierige Wege. Und jetzt sind sie so weit weg, einer fließt in den anderen. Sie haben eine Leichtigkeit und du bist schier an ihnen zerbrochen. Das tut gut, so ein Rückblick. Du misst mit einem anderen Maß.
So jemanden bräuchte ich manchmal, wenn ich dabei bin, mich in mir selbst zu verlaufen. Ich bräuchte manchmal jemanden, der in Liebe zu mir sagt: Nun lass es gut sein. Und wenn es dich beruhigt, ich bleibe dran.

Partner, Nachbar, Kollegin, Freundin, Engel, Gott - , die es gut mir uns meinen, legen sacht die Hand auf unsere Schulter und sagen: Lass es gut sein. Und lösen mit geschickter Hand die Fessel um unsere Seele und schenken uns eine Stunde Flug mit dem Falken oder Blühen mit der Rose oder Staunen mit dem Kind.